Björn Andrae


23. November 2016

...Interview in der MOZ....einfach mal lesen...



Currywurst statt Borschtsch

Volleyballer Björn Andrae verließ die Heimat mit 22, jetzt ist er zurückgekehrt und schlägt für die Netzhoppers auf / Heimspiel am Sonntag

Bestensee
(MOZ) Steht ein Millionär im Berliner Baumarkt und schaut sich Dachziegeln an. Rote und graue, glasierte und nicht glasierte. Das ist nicht der Anfang eines Witzes. Das passiert dieser Tage immer mal wieder. Dass der Mann in Russland und Italien keinen Schritt vor die Tür machen konnte, ohne um Autogramme angefleht zu werden, interessiert hier keinen. Hier, in Berlin, in Deutschland, in diesem Fußball-Land, ist er nur ein überdurchschnittlich großer Mann, der auf Ziegeln starrt.
Der Mann heißt Björn Andrae. Er ragt zwei Meter gen Himmel und ist Volleyballer. Andrae ist Ex-Nationalspieler, einer der besten, den Deutschland in den vergangenen Jahren ans Parkett binden konnte. Ob er Millionär ist, ist eine Vermutung. Aber keine weit hergeholte. In den Top-Ligen Europas, in Italien, Russland und Polen, verdienen die Volleyballer Gehälter, die zehnmal so hoch sind wie hierzulande. Laut Liga dort 300 000 Euro und mehr statt hier 30 000 pro Jahr netto. Andrae hat in Europas stärksten Vereinen die Schuhe geschnürt – und ist zurückgekommen in die Heimat.
In Königs Wusterhausen möchte er seine Karriere beenden. Zwei bis drei Jahre will der 35-Jährige die Mannschaft von Trainer Mirko Culic, der aus Studenten, Schülern und Auszubildenden ein Team formt, anführen. Dann reichts. Vom Profi zum Semiprofi mit Freizeit – eine krasse Umstellung, sagt er.
Wobei Freizeit bei ihm Arbeit bedeutet. Seine Fitness-Übungen aus Profi-Zeiten macht der gebürtige Berliner, der im Osten der Stadt aufgewachsen ist, trotzdem. „Ich will keine schlechte Figur auf dem Platz abgeben. Sonst schäme ich mich. Eher höre ich auf, als mich mit schlechter Leistung zu blamieren“, erklärt Andrae. Leistungssportler bleibt Leistungssportler.
Während der Mann mit dem grauen Krausehaar und dem braun gebrannten Gesicht die letzten Steine auf sein Haus namens Karriere legt, zimmert er schon an einem neuen. Er gestaltet auf seinem Grundstück in Kaulsdorf einen Bungalow neu. Seine „Sommerresidenz“, wie er sie nennt. Später will er noch ein Familien-Haus auf dem 1000-Quadratmeter-Grundstück bauen lassen. Für sich und seine Freundin, die bei einer privaten Fluglinie arbeitet. Mit Kamin, Weinkeller und einem Zimmer für seine Trophäen, die derzeit bei der Mutter im Keller lagern.
Medaillen, als er zweimal Deutscher Meister und dreimal zum Volleyballer des Jahres gekürt wurde, füllen dann die Regale. Genauso wie Andenken an die Olympischen Spiele 2008 in Peking und 2012 in London, als die deutsche Nationalmannschaft Neunter und Fünfter wurde. „Dass wir es 2008 nach Peking geschafft haben, war der größte Erfolg meiner Karriere. Er war mehr wert, als eine Goldmedaille wert gewesen wäre.“Die Deutschen hatten sich zum ersten Mal seit München 1972 wieder für die Sommerspiele Björn Andrae wurde am 14. Mai 1981 in Berlin geboren. Seine Karriere begann der Volleyballer mit zwölf Jahren beim SCC Berlin. Nachdem er mit der Jugend-Nationalmannschaft 1999 das EM-Finale erreicht hatte, holte ihn Ex-Bundestrainer Stelian Moculescu zum VfB Friedrichshafen. Mit dem Team gewann er zweimal die Meisterschaft und dreimal den Pokal. Nach Stationen in Russland, Polen und Italien spielt er seit dieser Saison beim Bundesligisten Netzhoppers KW. qualifiziert. Das erste Mal seit 36 Jahren.
Es war der Beginn einer neuen Zeit für den deutschen Volleyballsport, die in WM-Bronze 2014 gipfelte. Baumeister des Erfolgs war Ex-Bundestrainer Stelian Moculescu, der Andrae in der vorangegangenen Saison für ein Jahr zum Vizemeister VfB Friedrichshafen lockte. Ein Visionär, der keine Konflikte scheut und aneckt. Ebenso wie Andrae.
Als 18-Jähriger posaunte der Berliner heraus: „Ich will mit dem Volleyballsport Millionär werden.“Was er erntete, waren Kopfschüttler, mildes Lächeln und Worte wie: „Der Junge soll erst einmal erwachsen werden, und dann mal sehen.“Vier Jahre später lief Andrae in Italien auf. „Das war eine Genugtuung“, sagt er und lacht. Und dann bringt er seinen Eindruck der deutschen Mentalität auf den Satz: „Wir sind hier viel zu realistisch.“
Understatement ersetzt der Außenangreifer mit Träumerei. Dass er das kann, hat einen Grund. „Meine Familie ist mein Anker.“Der Vater, gelernter Schlosser, brachte ihm das Sparen bei. Zu dritt lebte die Familie in einer Einzimmerwohnung. Und dennoch: „Wenn es mit dem Sport nicht geklappt hätte, hätten mich meine Eltern finanziell aufgefangen.“Wie eng das Verhältnis zu Eltern und jüngerer Schwester ist, zeigen Sätze wie: „Du kannst alles verlieren – außer die Familie.“Oder: „Wenn du niemanden vor Ort hast, mit dem du die Schönheiten einer Stadt teilen kannst, ist es nichts wert.“Und: „Je weiter ich weg war, umso wichtiger war es, zurückzukommen.“
Zum Beispiel aus Sibirien. Fünf Jahre schlug er für den russischen Erstligisten in Kemerowo auf. „Als ich da zum ersten Mal ankam am Flughafen, dachte ich, das ist doch hier eine größere S-Bahnstation“, erzählt Andrae. Er stampfte durch den knietiefen Schnee – und war ängstlich. Was würde ihn in dieser 500 000-Einwohner-Stadt, die mit dem Auto eine Fahrt von 64 Stunden von Berlin entfernt ist, erwarten? Wie er aufgenommen werden?
„Ich habe die Menschen dort lieben gelernt.“Weil Fans ihn zum Abendessen zu sich nach Hause einluden. Weil sie ihn mit Borschtsch, dieser Rote-BeeteSuppe, und mit Pelmeni, den Teigtaschen mit Kartoffel-KrautFüllung, fütterten. Weil sie ihn in der Halle feierten, als ob er zu ihnen gehörte, als ob er ein Mitglied dieser russischen Familie wäre. Und weil er die Anerkennung genoss. „Als ich in ein Restaurant ging, wurden Tische für mich frei gemacht. Ich war ein VIP.“
Sein jetziges Inkognito will er trotzdem nicht gegen den Status der Very Important Person, der sehr wichtigen Person, tauschen. Er will die Sportler bei den Netzhoppers anleiten. Als Kapitän dirigiert er bereits im Punktspiel und zeigt im Training, wie sie am besten zum Schmetterball anlaufen. Später möchte er vielleicht Jugendtrainer werden. „Oder ich mache doch ein Café auf?“, sinniert er. „Ich weiß es noch nicht. Was ich weiß, ist, dass ich angekommen bin.“

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