Björn Andrae


9. April 2016

Danke Stelu ... ein großartiger Trainer verlässt die Volleyballbühne...

..ein Interview dass nachdenklich macht....
Letzte Trainerstation? Stelian Moculescu hört in Friedrichshafen auf. FotO: imago




Stelian Moculescu hat den Glauben daran verloren, dass Volleyball in Deutschland eine Top-Sportart werden könnte. Friedrichshafen – Als Stelian Moculescu 1997 nach Friedrichshafen aufbrach, um sich des lokalen Volleyballprojekts anzunehmen, war die Stadt am Bodensee ein sportlicher Zwerg.
Heute residiert dort der erfolgreichste Klub der deutschen Volleyballgeschichte; Rekordmeister und ehemaliger Champions-League-Sieger. Ein Vierteljahrhundert hatte Moculescu zuvor in München verbracht. Auch dort etablierte er den Erfolg, sein größtes Erbe hinterließ er aber am Bodensee. Doch nun mag Moculescu, 65, nicht mehr. Im Sommer verlässt er den VfB. Warum, das möchte er nicht erzählen. Eine weitere Meisterschaft will Moculescu sich aber noch holen. Es wäre seine 20. in der Bundesliga. Auf dieser Mission räumte Friedrichshafen zuletzt die Playoff-Neulinge aus Herrsching aus dem Weg. Am Rande der Serie nahm Moculescu sich Zeit, um zu reden. Über seine Zukunft, sein Vergangenheit – und seinen fehlenden Glauben an den deutschen Volleyball.
-Im Oktober sagten Sie, es sei der Spaß, der Sie als Trainer noch immer antreibe. Vor gut zwei Wochen haben Sie Ihren Rücktritt beim VfB Friedrichshafen angekündigt. Haben Sie den Spaß verloren?
Nein, den Spaß habe ich nicht verloren. Aber ich habe für mich entschieden, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um aufzuhören.
-Sind Sie nur in Friedrichshafen zurückgetreten – oder vom Volleyball an sich?
Ich habe effektiv in Friedrichshafen aufgehört. Ich habe aber nicht aufgehört, über Volleyball zu denken. Ich mache jetzt Pause, aber das heißt nicht, dass ich ganz weg bin. Schauen wir mal, was sich ergibt.
-Ihre vorläufige Abschiedstournee hat Sie nochmal fast nach München geführt. Die Stadt, die Sie während der Olympischen Spiele 1972 für Ihre Flucht nach Westdeutschland genutzt haben. Das passt doch ganz gut.
Wir waren ja in Herrsching, nicht in München. Das ist ein großer Unterschied. Aber ich liebe Oberbayern. München war meine zweite Heimat. Ich habe dort 25 Jahre meines Lebens verbracht – und mich sehr wohl gefühlt.
-In dieser Zeit haben Sie den Volleyball angekurbelt. Sie haben 1860 München, Milbertshofen und Dachau zu Spitzenmannschaften gemacht. Worauf sind Sie am meisten stolz?
Ich bin immer stolz gewesen, dass ich junge Leute für Volleyball begeistern und ihnen Volleyball beibringen konnte. Dass ich ihnen ermöglichen konnte, Erfolg und Spaß zu haben. Das war mein größtes Vorhaben. Ich wollte immer Leute ausbilden.
-Woran denken Sie am liebsten zurück, wenn Sie München besuchen?
Wir hatten schöne Zeiten. Aus jeder Zeit, aus jeder Generation bleibt etwas übrig. Der erste Titel mit 1860, mit einer sehr jungen Mannschaft damals. Der erste Pokal mit Sechzig in Sonthofen. Oder dann der erste Pokal mit Milbertshofen, als wir gegen Leverkusen mit zwei Sätzen und 9:14 hinten waren und doch noch gewonnen haben. Das Final Four der Champions League mit Dachau. Es gibt mit jeder Mannschaft schöne Erinnerungen.
-Um Volleyball nachhaltig zu etablieren, haben Sie mit dem FC Bayern verhandelt.
Das war noch zu Zeiten vom „Champagner-Willi“ (Spitzname des damaligen Bayern-Präsidenten Willi Hoffmann, d. Red.). Wir sind damals zusammen im Flugzeug gesessen. Die Bayern sind Meister geworden in Köln, wir sind Meister geworden in Bonn. Da hatten wir das angesprochen, nur leider ist das nicht zum Tragen gekommen. Das wäre die beste Geschichte gewesen für Volleyball. Bayern ist der einzige Verein, der diesen Sport in München wieder salonfähig machen kann.
-Warum ist Volleyball in München überhaupt in der Versenkung verschwunden?
Wir hatten in München ein großes Problem: Es hat eine Halle gefehlt, die 4000 Zuschauer fasst und die man immer voll kriegt. Es waren auch nie die passenden Leute für Volleyball da, die einen Verein führen können. Ich musste immer alles machen. Ich war Trainer, Pressesprecher, Mittelbeschaffer. Was den Leuten in meinen Augen fehlt, ist die Leidenschaft, etwas anzugehen. Das ist heute nicht anders. Vielleicht sogar noch stärker.
-Sie sagten mir vor einem Jahr: „Volleyball könnte in Deutschland eine Top-Sportart sein.“ Glauben Sie noch daran?
Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht mehr daran.
-Warum nicht?
Die Entwicklung geht genau in die andere Richtung. Es hat immer noch keine Fernsehpräsenz. Schauen Sie sich die ganzen Sportportale an, da findet Volleyball nicht statt. Im Teletext findest du uns auf der Seite 641. Wir haben die Champions League gewonnen, das war nicht mal eine Meldung im ZDF-Sportstudio. Wir vermarkten uns schlecht, aber da sind wir ja schon wieder bei den Personen. Uns fehlen auch einfach die Spieler. Um einen Top-Spieler aufzubauen, brauchst du vier, fünf Jahre. Im Fußball geht das vielleicht schneller. Aber da haben die Spieler in der Jugend auch eine professionelle Ausbildung. Das ist im Volleyball nicht so. Wenn ich mir anschaue, wie die trainieren, da wird mir schlecht. Das hat mit Volleyball nichts zu tun. Wenn ich die Infrastruktur bei den meisten Volleyballvereinen sehe, dann habe ich wenig Hoffnung.
-Was haben Sie mit Ihren Mannschaften anders gemacht?
Ich wusste immer, wie man Erfolg hat. Alle Mannschaften, die ich trainiert habe, haben davor nichts gewonnen und danach nichts gewonnen. Außer 1860, die haben einen Titel vor mir geholt. Mein Ziel war es, den Volleyball in Deutschland nach vorne zu bringen, das ist mir auch ganz gut gelungen, denke ich. Wir haben uns mit mir für die Olympischen Spiele 2008 qualifiziert. Wir haben 1999 aber auch schon die Universiade gewonnen. Das wissen die meisten gar nicht. Die Universiade ist ja nicht so eine kleine Sportveranstaltung. Heute nimmt Deutschland da gar nicht mehr teil.
-Werfen Sie sich rückblickend etwas vor, was Sie in Ihrer Mission um den deutschen Volleyball versäumt haben?
Ich werf’ mir nichts vor. Vielleicht habe ich es nicht geschafft, genügend Leute hinter mich zu bringen. Ich bin nicht Jedermanns Freund. Aber da mach’ ich mir keine Gedanken drüber. Ich weiß, was ich richtig gemacht habe. Wenn man viel tut, macht man auch Fehler. Die habe ich zweifelsohne irgendwo gemacht. Aber: Wer nichts tut, der macht auch keine Fehler. Und davon haben wir genügend.
-Kann der deutsche Volleyball auf Stelian Moculescu verzichten?
Ja, selbstverständlich. Liebend gerne. (lacht). Ich stör ab jetzt nicht mehr.
-Kann Stelian Moculescu auf Volleyball verzichten?
Ja, kann er auch. Ich kann auf alles verzichten – bis auf meine Frau, meine Kinder und meine Enkelkinder.
Das Gespräch führte
Christopher Meltzer

Quelle: http://www.ovb-online.de

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